QUELLEN-KOMPASS

Wie erkenne ich eine gute Quelle?

Eine Zahl kann stimmen und trotzdem in die Irre führen. Eine Studie kann seriös sein und trotzdem nicht das belegen, was jemand aus ihr macht.

Der Quellen-Kompass zeigt dir, wie du politische Behauptungen selbst prüfen kannst – ohne Experte sein zu müssen.

6 Dinge, auf die du achten solltest

01 · URHEBER

Wer sagt das?

Schau zuerst darauf, wer eine Behauptung veröffentlicht. Eine Behörde, eine Universität, eine Partei, ein Unternehmen und ein privater Social-Media-Account können alle richtige Informationen veröffentlichen – aber sie haben unterschiedliche Aufgaben, Interessen und Möglichkeiten, Aussagen zu überprüfen.

Nicht fragen: Mag ich diese Quelle?
Sondern: Kann ich nachvollziehen, woher ihre Aussage kommt?

Und was ist mit mir selbst?

Sei besonders kritisch, wenn eine Aussage genau das bestätigt, was du ohnehin schon glaubst. Wir neigen dazu, Informationen weniger kritisch zu prüfen, wenn sie zu unseren bestehenden Überzeugungen passen.

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Welche Quelle solltest du besonders prüfen?

Du liest zwei Beiträge zum selben Thema. Einer bestätigt genau deine bisherige Meinung, der andere widerspricht ihr.

Welchen solltest du besonders sorgfältig prüfen?

02 · ORIGINALQUELLE

Woher kommt die Zahl?

Geh möglichst zur Originalquelle.

Social-Media-PostZeitungsartikelPressemitteilungOriginalstudie / Statistik

Ein Artikel über eine Statistik ist nicht die Statistik. Ein Post über einen Artikel ist noch einen Schritt weiter von ihr entfernt.

Wenn möglich, folge einer Behauptung zurück zu der Quelle, aus der die Information ursprünglich stammt.

Nähe zur Primärquelle bedeutet nicht automatisch, dass eine Aussage richtig ist. Sie macht sie aber besser überprüfbar.

03 · MESSGRÖSSE

Was wurde eigentlich gemessen?

Ähnliche Begriffe können völlig unterschiedliche Dinge bedeuten.

Tatverdächtige Verurteilte
Durchschnitt Median
Arbeitslose alle Menschen ohne Arbeit
Korrelation Ursache
Meinung der Befragten objektive Faktenlage
Anteil der Befragten automatisch Anteil der Bevölkerung

Eine Statistik kann vollkommen korrekt zitiert sein und trotzdem eine falsche Schlussfolgerung nahelegen. Prüfe deshalb nicht nur die Zahl, sondern auch, was genau gezählt oder gemessen wurde.

Wenn beispielsweise 70 % der Befragten sagen, sie empfänden die Kriminalität als gestiegen, beschreibt das zunächst ihre Wahrnehmung. Ob die registrierte Kriminalität tatsächlich gestiegen ist, muss mit anderen Daten geprüft werden.

Auch eine Umfrage mit vielen Teilnehmern bildet nicht automatisch die gesamte Bevölkerung ab. Entscheidend ist unter anderem, wie die Befragten ausgewählt wurden.

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Eine repräsentative Umfrage ergibt:

„68 % der Befragten glauben, dass die Kriminalität zugenommen hat.“

Was wissen wir damit?

04 · KONTEXT

Fehlt der Kontext?

+50 %Klingt dramatisch.2 Fälle → 3 Fälle = +50 %

Prozentuale Veränderungen ohne absolute Zahlen können einen völlig anderen Eindruck erzeugen.

Welcher Zeitraum?

Ein ungewöhnliches Ausgangsjahr kann einen Trend verzerren.

Welche Vergleichsgruppe?

Absolute Zahlen sagen bei unterschiedlich großen Gruppen oft wenig aus.

Pro Kopf oder insgesamt?

Eine wachsende Bevölkerung kann absolute Zahlen erhöhen, ohne dass das individuelle Risiko entsprechend steigt.

Hat sich die Erfassung verändert?

Neue Definitionen oder Meldeverfahren können Zeitreihen beeinflussen.

Fehlt die Null-Linie?

Eine abgeschnittene Achse kann kleine Unterschiede optisch sehr groß erscheinen lassen. Sie ist deshalb prüfenswert, aber nicht grundsätzlich manipulativ.

Ist das Startjahr bewusst gewählt?

Ein Trend kann völlig anders aussehen, wenn als Ausgangspunkt ein außergewöhnliches Krisen-, Boom- oder Rekordjahr gewählt wird.

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Ein Post behauptet:

„Die Zahl hat sich innerhalb eines Jahres um 100 % erhöht!“

Welche Information wäre für die Einordnung am wichtigsten?

05 · AUSSAGE

Belegt die Quelle wirklich die Behauptung?

„Studie beweist …“

Okay. Aber steht das auch in der Studie?

Einer der einfachsten Quellenchecks wird erstaunlich oft übersprungen: die angegebene Quelle tatsächlich öffnen.

Prüfe, ob sie wirklich dieselbe Aussage macht. Manchmal untersucht eine Studie nur einen Teilaspekt. Manchmal wird aus einem Zusammenhang eine Ursache. Und manchmal findet sich die behauptete Aussage in der verlinkten Quelle überhaupt nicht.

Was behauptet der Beitrag?Was sagt die Quelle tatsächlich?Passt der Kontext?Ist die Schlussfolgerung gerechtfertigt?

Untersucht die Quelle überhaupt das Land, die Bevölkerungsgruppe, den Zeitraum oder die Situation, um die es in der Behauptung geht?

Eine Untersuchung unter amerikanischen Studierenden lässt sich nicht automatisch auf die gesamte deutsche Bevölkerung übertragen.

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Ein Beitrag behauptet:

„Studie beweist: Maßnahme X funktioniert in Deutschland.“

Die verlinkte Studie untersuchte 800 Studierende an zwei Universitäten in den USA.

Was ist das wichtigste Problem bei dieser Schlussfolgerung?

06 · SICHERHEIT

Wie sicher ist die Aussage?

Nicht jede wissenschaftliche Aussage hat dieselbe Sicherheit.

Gemessene DatenWas wurde tatsächlich beobachtet?
AnalyseWie lassen sich vorhandene Daten erklären?
ModellrechnungWas könnte unter bestimmten Annahmen passieren?
PrognoseWie könnte sich etwas zukünftig entwickeln?

Eine Modellrechnung ist nicht schlechter als eine Statistik – sie beantwortet eine andere Frage. Problematisch wird es, wenn aus „Unter diesen Annahmen könnte …“ plötzlich „Es wird …“ wird.

Eine Studie ist nicht automatisch der letzte Stand.

Wissenschaft ist ein Prozess. Eine einzelne Studie kann wichtige neue Hinweise liefern, aber ihre Ergebnisse können unsicher sein oder später korrigiert werden.

Aussagen werden belastbarer, wenn verschiedene Forscher mit unterschiedlichen Daten und Methoden zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen können dabei helfen, viele Einzelstudien gemeinsam zu bewerten.

Wie direkt kannst du eine Aussage überprüfen?

1. SEHR DIREKT PRÜFBAR

Gesetzestexte · Gerichtsurteile · amtliche Statistiken · Originalstudien

2. GUT PRÜFBAR, ABER EINORDNUNG NÖTIG

wissenschaftliche Analysen · Forschungsinstitute · internationale Organisationen

3. EINEN SCHRITT VON DER ORIGINALQUELLE ENTFERNT

Medienberichte · Presseartikel · Zusammenfassungen · Infografiken

4. ERST DIE HERKUNFT SUCHEN

Social-Media-Posts · Screenshots · Memes · anonyme Grafiken · „Studien zeigen …“ ohne Quellenangabe

Das ist keine Rangliste von „wahr“ und „falsch“.

Auch eine amtliche Statistik kann falsch interpretiert werden. Ein Social-Media-Post kann eine richtige Zahl enthalten. Der Unterschied liegt vor allem darin, wie gut du die Aussage selbst nachvollziehen und überprüfen kannst.

DER 30-SEKUNDEN-QUELLENCHECK

01WER SAGT DAS?Ist der Urheber erkennbar?
02WOHER KOMMT ES?Gibt es eine Originalquelle?
03WAS WURDE GEMESSEN?Bedeutet die Zahl wirklich das, was behauptet wird?
04FEHLT KONTEXT?Zeitraum, Vergleichsgruppe, absolute Zahlen, Darstellung?
05BELEGT DIE QUELLE DIE AUSSAGE?Oder geht die Schlussfolgerung weiter als die Quelle?
06WIE SICHER IST DAS?Messung, Analyse, Modell, Prognose oder breiter Forschungsstand?

Du musst einer Quelle nicht glauben.
Du solltest sie prüfen können.

Und was bedeutet das für Glaubensache?

Nach diesen Prinzipien versuchen wir auch unsere eigenen Faktenchecks aufzubauen. Wir bevorzugen möglichst direkte und nachvollziehbare Quellen, kennzeichnen Modellrechnungen und Unsicherheiten und zeigen Gegenargumente dort, wo sie für die Einordnung relevant sind.

Trotzdem gilt auch für uns:
Glaub uns nicht einfach.
Öffne die Quellen.
Prüfe unsere Einordnung.